Maschinen kann man reparieren, Menschen müssen heilen.
Wenn ein Mensch sich ein Bein bricht, kann der Arzt die Heilung nicht selbst herstellen. Er kann die Bruchstellen ausrichten, die Wunde versorgen, das Bein stabilisieren und günstige Bedingungen schaffen. Die eigentliche Heilung geschieht jedoch im Körper selbst. Knochenzellen müssen neues Gewebe aufbauen, Blutgefäße sich neu organisieren und unzählige biologische Prozesse ineinandergreifen. Kein Arzt der Welt kann diesen komplexen Heilungsprozess ersetzen.
Ähnlich verhält es sich in der Psychotherapie.
Auch seelische Heilung lässt sich nicht von außen „machen“. Sie entsteht durch innere Prozesse der Verarbeitung, Regulation und Entwicklung. Der Therapeut übernimmt dabei eine ähnliche Rolle wie der Arzt bei einem Knochenbruch: Er schafft Bedingungen, die Heilung ermöglichen, und unterstützt Prozesse, die wieder in Bewegung kommen sollen.
Dies gilt für eine Schürfwunde und für eine komplizierte Organtransplantation.
Dies gilt für eine Spinnenphobie und für eine komplexe Traumatisierung.
In der Traumatherapie kann beispielsweise EMDR eingesetzt werden. Die belastenden Erfahrungen verarbeitet der Klient dabei selbst. Der Therapeut regt die über Jahrmillionen der Evolution herausgebildeten und bewährten Regulations-, Integrations- und Entwicklungsfähigkeiten des menschlichen Organismus an. So unterstützt er den Klienten dabei, Erlebnisse neu einzuordnen und zu integrieren.
Dabei geht es um weit mehr als nur um die Psyche.
Psychische Belastungen wie Angst, Vernachlässigung oder Stress können dramatische Veränderungen im Körper hervorrufen.
Das limbische System kann die Verarbeitung von Sinneswahrnehmungen im Großhirn blockieren oder beeinträchtigen. Das Zusammenspiel der beiden Gehirnhälften kann gestört gestört werden. Über den Vagusnerv können sich psychische Belastungen auf Herzschlag und Verdauung auswirken; zugleich können Immunsystem und Schlafrhythmus beeinträchtigt werden. Gerät zudem der Hormonhaushalt aus dem Gleichgewicht, können Immunschwäche, Schlafstörungen, Schmerzen und Müdigkeit die Folge sein. Selbst die Genaktivität kann sich verändern – ein Zusammenhang, mit dem sich die Epigenetik befasst. Haben sich psychische Belastungen erst einmal verkörpert, wirken körperliche Strukturen und Funktionen auf die Psyche zurück und können psychische Störungen stabilisieren oder verstärken.
Bessel van der Kolk hat den Zusammenhang zwischen Psyche und Körper in einem seiner Buchtitel zum Ausdruck gebracht:
„Verkörperter Schrecken“
Psyche und Körper reagieren auf die Realität, in der ein Mensch lebt. Ob Reaktionen und Verhaltensweisen hilfreich oder hinderlich sind, lässt sich deshalb nicht angemessen beurteilen, wenn man sie isoliert betrachtet. Es reicht nicht, lediglich festzustellen, jemand müsse sein Nervensystem beruhigen, besser schlafen oder seine Neurotransmitter ins Gleichgewicht bringen. Entscheidend sind auch die Fragen: Wer bin ich? Welchen Platz nehme ich ein? In welcher Welt lebe ich? Warum muss ich so reagieren?
Psychisches Leiden und Heilung dürfen nicht ausschließlich in das Innere eines Menschen verlagert werden.
Es geht darum, seine eigene Identität und seinen Platz in der Realität zu finden und zu behaupten!
Menschen brauchen Menschen, um sich zu entwickeln. Nach der Geburt ist ein Mensch noch lange nicht selbstständig lebensfähig. Besonders in den ersten Lebensjahren benötigt er liebevolle Bezugspersonen, die ihn körperlich und seelisch nähren. Dann können sich jene über Jahrmillionen der Evolution entstandenen Fähigkeiten zur Selbstregulation und Selbstorganisation entfalten, die wesentlich zum Erfolg der menschlichen Entwicklung beigetragen haben.
Die geistige und seelische Weiterentwicklung ist mit Einschränkungen auch in späteren Jahren möglich. Der Mensch als soziales Wesen entwickelt sich jedoch nicht isoliert. Bindung, Resonanz, Containment und Koregulation ermöglichen die Entwicklung der Fähigkeit, Gefühle zu halten, Stress zu bewältigen, Vertrauen aufzubauen und die Welt zu erkunden. Familie, Partnerschaft, Freundeskreis, Schule, Arbeit, Kultur und Gemeinschaft können schützen, aber auch verletzen. Was in Beziehung verletzt wurde, benötigt häufig neue Beziehungserfahrungen, damit Sicherheit, Selbstgefühl und Regulation nachreifen können.
Die therapeutische Beziehung ist daher ein eigenständiger Wirkfaktor. Sie sollte von absichtsloser Resonanz geprägt sein. Ziele und Interventionen bleiben klar, doch der Mensch wird nicht zum Objekt einer vorgefertigten Vorstellung. Sicherheit, Verlässlichkeit, Transparenz, gemeinsame Zielklärung und die Achtung persönlicher Grenzen bilden den Rahmen dieser Beziehung.
Seelische Belastungen entstehen in Beziehungen zu Menschen —
und heilen auch in Beziehungen zu Menschen.
Raum und Zeit spielen bei der Entstehung, Entwicklung und Heilung psychischer Belastungen und Störungen eine zentrale Rolle.
Reaktionen auf eine Situation im Hier und Jetzt entstehen nicht allein im gegenwärtigen Augenblick. Sie wurden im Laufe des Lebens ausgebildet und „gelernt“. Das Leben findet zwar immer im gegenwärtigen Augenblick statt, doch ist es geprägt von Erfahrungen in der Vergangenheit – und prädisponiert bis zu einem gewissen Grad auch zukünftiges Erleben.
Das Repertoire menschlicher Reaktions- und Verhaltensmöglichkeiten entwickelt sich vom Beginn des Lebens bis zu seinem Ende in einem fortwährenden Wechselspiel von Assimilation und Akkommodation. Bei der Assimilation werden zur Verfügung stehende Muster auf eine Situation angewandt. Bei der Akkommodation werden diese Muster angepasst, wenn sie der aktuellen Situation nicht ausreichend gerecht werden. Dabei können funktionale Muster entstehen, wenn die Realität hinreichend genau wahrgenommen wird und geeignete innere Möglichkeiten zur Bewältigung verfügbar sind. In überfordernden und zugleich bedrohlichen Situationen ist dies häufig nicht mehr der Fall.
Besonders deutlich zeigt sich dies bei der Verarbeitung und Heilung von Traumata. In einer früheren, überfordernden und bedrohlichen Situation wurde die vollständige, integrative Verarbeitung abgebrochen. Die Sinneswahrnehmungen gelangten nicht in vollem Umfang zur Verarbeitung in den Neocortex und konnten deshalb nicht in einen räumlichen und zeitlichen Zusammenhang eingeordnet werden. Stattdessen speicherte das limbische System die Situation bruchstückhaft ab. Diese Fragmente blieben vom Gesamtzusammenhang getrennt und wurden zu verallgemeinerten Gefahrensignalen. Das limbische System startet daraufhin bllitzschnell und unter Umgehung des Neokortex elementare Notfallreaktionen: Kampf, Flucht oder Erstarrung.
Wird ein traumatisierter Mensch später durch ein ähnliches Detail getriggert, kann das limbische System erneut Alarm auslösen. Ein Geräusch, ein Geruch, Enge, ein Blick, eine Geste oder ein Wort genügt mitunter, um das frühere Notfallprogramm zu aktivieren und die bewusste Verarbeitung im Neocortex einzuschränken. Darauf hat der Betroffene zunächst keinen willentlichen Einfluss. Er kann in diesem Moment weder ausreichend berücksichtigen, dass sich die heutige Situation wesentlich von der damaligen unterscheidet, noch dass er inzwischen über Fähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten verfügt, die ihm damals fehlten. Er reagiert unwillkürlich wie damals, aus heutiger Sicht und für Außenstehende völlig unangemessen und unverständlich.
Menschliche Entwicklung vollzieht sich in der fortwährenden Auseinandersetzung mit der Realität. Aus unzähligen Erlebnissen und Erfahrungen entstehen hilfreiche, aber auch hinderliche Reaktions- und Verhaltensmuster. Manche dysfunktionalen Muster entziehen sich der notwendigen Anpassung an die Gegenwart durch den Neocortex, weil sie diesem vorgelagert vom limbischen System gesteuert sind und beeinflussen das weitere Erleben unbewusst. Sie verschwinden nicht von selbst. Damit sie ihre Wirkung verlieren, müssen sie nachträglich bearbeitet, verändert und neu in das eigene Leben integriert werden.
Sich von der Last der Vergangenheit befreien, frühere Erlebnisse in Raum und Zeit einordnen, mit den heutigen Möglichkeiten bearbeiten und neu in sein Leben integrieren.
Der Mensch ist ein hochkomplexes, lebendiges und selbstorganisierendes System, das sich über Millionen Jahre entwickelt hat. Seinen Fähigkeiten zur Selbstregulation, Entwicklung und Heilung sollten wir mit großem Respekt und Demut begegnen. Wir können diese Ressourcen zur Heilung und Weiterentwicklung nutzen. Die Grundlagen dafür sind in jedem Menschen angelegt. Selbst Symptome können Ausdruck eines Systems sein, das unter schwierigen Bedingungen versucht hat, das seelische Überleben zu sichern.
Therapie bedeutet, gezielt wirksame Bedingungen und Interventionen einzusetzen, unter denen natürliche Regulations-, Integrations- und Entwicklungsprozesse wieder angeregt werden.
In meiner Arbeit verbinde ich psychische, körperorientierte und soziale Ansätze. Mein Ziel ist nicht, Menschen „umzuformen“, sondern Prozesse zu unterstützen, die Selbstregulation, Entwicklung und innere Heilung wieder in Bewegung bringen.
Dabei arbeite ich mit Erkenntnissen aus Trauma-, Bindungs- und Körperforschung sowie mit Verfahren, die gezielt auf innere Verarbeitungsprozesse wirken.